Impulspapier: Bildungsvision

Die Bedeutsamkeit einer umfassenden Bildung

Gute Bildung war nie wichtiger als heute. Eine umfassende Bildung ist Voraussetzung, um die Chancen unserer Zeit nutzen zu können und in einer immer komplexer werdenden Welt mit immer neuen Herausforderungen bestehen zu können. Bildung befähigt Menschen dazu, ihr volles Potential zu entfalten und das Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. Unter Bildung verstehen wir dabei nicht nur die Aneignung von Fakten- und Methodenwissen, sondern auch die Entwicklung der Persönlichkeit in physischer, psychischer, sozialer und kultureller Hinsicht entsprechend dem Vier-Säulen-Lernmodell der UNESCO.

Bildung ist der Schlüssel zur Welt!

Zu lernen liegt in der Natur des Menschen!

Neugier und Lernen liegen in der Natur des Menschen. Kritisches Denken, eigenständiges Arbeiten sowie soziale Interaktion und Kooperation sind neben der Sprache die Schlüssel zur Bildung und damit zur Welt. Bildung hilft uns, unsere individuellen Fähigkeiten zu stärken und dadurch eine Rolle in der Gesellschaft einzunehmen. In diesem Sinne ist Bildung unentbehrlich.

In diesem Papier beschreiben wir unsere Vision für die zukünftige Entwicklung des deutschen Bildungssystems, indem wir die Idee einer humanistischen Bildung entwerfen und unsere zentralen Standpunkte auflisten. Dabei orientieren wir uns an wissenschaftlichen Erkenntnissen, einem sozial-liberalen Menschenbild und zeitgemäßen Methoden. Notwendige ​fachlich-methodische und kommunikativ-soziale Kernkompetenzen muss jeder erwerben, doch danach​ steht es jedem frei, seinen eigenen Bildungsweg einzuschlagen, sodass ein breites Spektrum von Bildungsbiographien entsteht. Unser Ziel ist, dass jeder Mensch durch freie und individuelle Bildung befähigt wird, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Konkret möchten wir Lehrende und Lernende bestmöglich unterstützen, um Bildung zu schaffen. Lehrende müssen in die Lage versetzt werden, selbstbestimmt, kreativ und engagiert ihren Beruf auszuüben. Bildungsorte müssen überall erreichbar sein und bundeseinheitlichen Standards genügen. Zudem fordern wir eine fortschrittliche Pädagogik sowie zeitgemäße Bildungsinhalte und -ziele, die an die Bedürfnisse der Lernenden angepasst sind. Lernende müssen eine intakte Bildungsumgebung vorfinden, die ihren individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten gerecht wird.

Unsere Vision stellt eine Idealsituation dar, die in die Zukunft gedacht ist. Sie erläutert unsere Überzeugungen und wird wegweisend für unsere zukünftige Arbeit im Bereich Bildung sein. In späteren Impulspapieren werden wir uns detailliert mit der praktischen Umsetzung beschäftigen, die uns dieser allgemeinen Vision näher bringt. Wir werden dabei insbesondere auf die Finanzierung, die gesetzliche Lage und die institutionellen Rahmenbedingungen eingehen. Ein zentraler Punkt wird dabei die wissenschaftliche Überprüfung bisheriger Lern- und Lehrmethoden sein.

1. Unsere zentralen Standpunkte

Der folgende Abschnitt stellt eine Übersicht unserer zentralen Standpunkte dar, welche in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführt werden.

Bildung ist ein Menschenrecht

Die institutionellen Rahmenbedingungen sind so zu gestalten, dass sich jeder in Deutschland lebende Mensch adäquat bilden kann und dabei individuell unterstützt wird.

  • Bildungsangebote überall, wo Menschen sind
  • Inklusion und Integration aller Menschen
  • Kostenloser Zugang zu Bildung und finanzielle Unterstützung in jedem Alter
  • Breites Bildungsangebot ohne enge fachliche Grenzen

Humanistische Bildungsumgebung

Lernende sollen bestmöglich bei der Selbstentfaltung unterstützt werden, insbesondere in Hinblick auf eine ungewisse Zukunft. Inhalte und pädagogische Konzepte sollen wissenschaftlich abgesichert sein.

  • Alters- und entwicklungsgerechte Bildung
  • Individuelle, möglichst freie und selbstbestimmte Bildung
  • Moderne Pädagogik und wissenschaftlich fundierte Inhalte
  • Freiraum, Zeit und Unterstützung für Lehrende

Staunen, Forschen, Lernen

Bildung hört nie auf; daher sollen Lernende in jedem Bereich des Bildungssystems darin gefördert werden, zu hinterfragen, zu erforschen und weiterzulernen.

  • Entwicklung zum mündigen, an der Gesellschaft teilhabenden Bürger
  • Vermittlung fachlich-methodischer, sozialer und reflektierender Grundkompetenzen
  • Spezialisierung entsprechend eigener Interessen und Fähigkeiten
  • Ausrichtung der Bildung auf geistige Flexibilität und den Spaß am Lernen

2. Bildung ist ein Menschenrecht

Jeder hat das Recht auf Bildung

Besagt Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.
Aufgrund der grundlegenden Bedeutung der Bildung für die persönliche Entwicklung und als Basis für einen freiheitlich-demokratischen Staat ist es unser Ziel, dass jeder Mensch an Bildung partizipiert. Wir fordern die konsequente Umsetzung dieses universellen Menschenrechts, das sich für uns auch auf die lebenslange Bildung bezieht.

Bildungsangebote überall, wo Menschen sind

Unabhängig vom sozialen und finanziellen Hintergrund und unabhängig vom kognitiven und physischen Leistungsniveau sollen Bildungseinrichtungen für alle Menschen verfügbar sein. Dies beginnt bei vorschulischen Einrichtungen, in denen wichtige Grundlagen für die kognitive, motorische, soziale und emotionale Entwicklung gelegt werden, erstreckt sich über eine Vielfalt an schulischen Angeboten zur Grundbildung und Spezialisierung und endet in einem breiten Netz aus Bildungsorten des täglichen Lebens wie Vereinen, Museen oder dem öffentlichen Rundfunk.

Aufgabe des Staates ist es, ein flächendeckendes und qualitativ hochwertiges Angebot an Bildungseinrichtungen zu schaffen und fortlaufend zu unterstützen. Im ländlichen Raum soll dies auch durch bessere Anbindung, Online-Angebote und Möglichkeiten des Selbststudiums geschehen.

Inklusion und Integration aller Menschen

Wir streben ein soziales Bildungskonzept an, in dem alle Lernenden unabhängig von Herkunft, finanziellem Hintergrund und Förderbedarf von Beginn an gleiche Chancen haben. Alle Vertragspartner der UN-Behindertenrechtskonvention sind dazu verpflichtet, ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Das allgemeine Bildungssystem muss demnach für alle zugänglich sein. Damit dies bei wachsender Heterogenität gelingt, müssen multiprofessionelle Teams und entsprechende materielle Ressourcen bereitgestellt und Kooperationsstrukturen zur besseren Zusammenarbeit geschaffen werden.

Auch der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen soll so wenig wie möglich eingeschränkt werden, indem nicht nur das individuelle Notenbild, sondern auch die persönliche Eignung betrachtet wird. Im Laufe des Lebens soll es so immer wieder die Möglichkeit geben, sich fortzubilden, um sich an die sich stetig ändernden Bedingungen des Arbeitsmarktes sowie individuelle Berufswünsche anzupassen.

Kostenloser Zugang zu Bildung und finanzielle Unterstützung in jedem Alter

Um Bildungsanreize zu setzen, soll die staatlich geförderte Bildung weitestgehend kostenlos für die Lernenden sein. Überdies wünschen wir uns eine altersunabhängige finanzielle Unterstützung, damit sich die Lernenden ganz der Bildung widmen können. Die umfassende Finanzierung der Bildung erstreckt sich dabei auch auf die baulichen Strukturen und die Bezahlung der Lehrenden. Wir streben neben der ​Exzellenzinitiative für Forschung auch eine Exzellenzinitiative für die Lehre an.

Breites Bildungsangebot ohne enge fachliche Grenzen

Wir wollen ein Bildungssystem, in dem jeder Lernende die Chance hat, einen Bildungsort aufzusuchen, der seinen eigenen Bildungsinteressen und Fähigkeiten gerecht wird. Dies bedingt die Förderung einer Bildungslandschaft, die von Pluralität und Selbstorganisation geprägt ist, in der man jedoch auch immer Unterstützung und Hilfe bei der Orientierung findet. Jedem Menschen soll so eine individuelle Bildungsbiographie ermöglicht werden, damit er sein Leben selbstbestimmt gestalten kann. Dies ist zudem mit Blick auf unser aller Zukunft wichtig, denn nur durch Diversifikation werden wir in jeder Situation über diejenigen gut ausgebildeten Fachkräfte verfügen, die von Wirtschaft und Gesellschaft benötigt werden. Eine inhaltliche Einschränkung der Lehre darf es nur mit sehr guter Begründung geben.

3. Humanistische Bildungsumgebung

Wir möchten das Bildungsangebot an den Bedürfnissen der Lernenden, aber auch an denen der Lehrenden ausrichten. Uns schwebt dabei die Schaffung einer Bildungsumgebung vor, die jedem Einzelnen gerecht wird, indem sie neben einer soliden Grundbildung auch möglichst viel Freiraum gewährt. So kann sich jeder Lernende individuell in seinen Gebieten ausprobieren, entfalten und üben. Dabei müssen die Lehrinhalte und -methoden sowie die pädagogischen Konzepte stets überprüft und an den aktuellen wissenschaftlichen Stand angepasst werden, um die Qualität der Bildung sicherzustellen.

​Ein guter Lehrer hat nur eine Sorge: zu lehren, wie man ohne ihn auskomme.

André Gide (1869–1951), frz. Schriftsteller

Alters- und entwicklungsgerechte Bildung

Wir wollen Bildung neu denken – und zwar anhand entwicklungspsychologischer Erkenntnisse. Das heißt, wir wollen die Bildung der psychosozialen Entwicklung entsprechend gestalten. Obgleich man den menschlichen Reifungsprozess grob in ​Phasen einteilen kann, gehört es doch zur Individualität des Menschen, dass diese Phasen diskontinuierlich ablaufen, wobei plötzlich neue Fähigkeiten auftauchen oder vorübergehend Rückschritte auftreten können.

Wir haben alle unser eigenes Lerntempo!

 

 

Wir möchten aus Grundschulkindern nicht möglichst schnell kleine Erwachsene machen, sondern sie in ihrer individuellen Entwicklung bestmöglich unterstützen. Da diese nicht zwingend dem Lebensalter folgt, muss ein fließender Übergang zwischen Elementarbereich und Primarbereich geschaffen werden.

Individuelle, möglichst freie Bildung

Wir wollen Bildung neu denken – und bei der Entwicklung des individuellen Bildungsplans im Blick haben, wie jeweils die Antworten auf die folgenden drei zentralen Fragen lauten:

  • Was sind die individuellen Fähigkeiten der Lernenden?
  • Was interessiert sie oder macht ihnen sogar Spaß?
  • Was hilft ihnen voraussichtlich auf dem weiteren Lebensweg?

Es ist die Aufgabe der Bildungseinrichtungen, die Lernenden mit Hinblick auf diese Fragen anzuleiten und zu unterstützen. Dabei ist es wichtig, weder Bildungsmethoden noch ganze Bildungswege zu zementieren. Nur so können sich die Lernenden immer wieder aufs Neue auf ihre eigene Entwicklung konzentrieren.

Die Freiheiten im Bildungssystem sollen dabei kontinuierlich im Einklang mit der eigenen Mündigkeit ausgebaut werden. Um eine Individualisierung entsprechend eigener Interessen und Fähigkeiten zu erreichen, soll für die Lernenden die Möglichkeit geschaffen werden, Lerninhalte ihres Bildungswegs mitzubestimmen. Die Lehrenden agieren hierbei als Mentoren, zu deren zentralen Aufgaben die Beziehungsdidaktik gehört, um die Lernenden einschätzen und Rückmeldungen und Impulse zur weiteren Entwicklung geben zu können. So wollen wir sicherstellen, dass jeder Mensch seine individuellen Interessen und Talente für sich entdecken und ausbauen kann. Dabei sollen weiterhin die drei Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses gelten, welche in ihrer Summe Lernenden ermöglichen, frei von Indoktrination und mit Kenntnis von politischen Kontroversen eine eigenständige politische Haltung zu entwickeln.

 

Wissenschaftlich fundierte Pädagogik und Inhalte

Wir wollen Bildung neu denken – und zwar nicht entlang einzelner Bildungsideologien, sondern mit Blick auf die didaktische Forschung. Effektive Bildungsmethoden sollen rasch Einzug in die einzelnen Bildungsorte halten, und solche, die es nicht sind, zügig ausgemustert werden. Lehrende sollen auf ihre Aufgabe bestens didaktisch vorbereitet und kontinuierlich weitergebildet werden, damit sie den aktuellen Stand der menschlichen Erkenntnis übermitteln können.

Eine moderne Pädagogik schließt auch wissenschaftlich fundierte Inhalte ein. Es sollte selbstverständlich sein, dass Lehrmittel regelmäßig dem Bedarf angepasst und aktualisiert werden, was insbesondere bei digitalen Lehrmitteln bequem möglich ist.

Freiraum, Zeit und Unterstützung für Lehrende

Um die Ziele humanistischer Bildungspolitik umzusetzen, bedarf es engagierter Lehrender. Wir wollen dafür sorgen, dass sich diese ganz auf den bildenden Kern ihres Berufs konzentrieren können und dabei den nötigen Freiraum bekommen, individuelle und moderne Bildungskonzepte umsetzen zu können. Insbesondere sind Verwaltungsaufgaben für sie zu reduzieren bzw. auf entsprechendes Fachpersonal zu verteilen. Weiterhin sind straffe Lehrpläne zugunsten von schülerorientierter Schwerpunktsetzung aufzulockern.

4. Staunen, Forschen, Lernen

Im Laufe des Lebens ergeben sich ständig berufliche, private, gesellschaftliche und technische Änderungen, an die wir uns anpassen müssen. Dies gelingt uns mit der Fähigkeit, immer wieder dazu zu lernen. Damit unser angeborener Wissensdurst erhalten bleibt und entfaltet werden kann, muss erreicht werden, dass Bildung als etwas Positives wahrgenommen wird.

 

Bildung ist nicht das Befüllen von Fässern, sondern das Entzünden von Flammen!

– Heraklit (ca. 520 v. u. Z.–460 v. u. Z.), griech. Philosoph

Ausbildung zum mündigen Bürger

Es muss Ziel des Bildungssystems sein, Menschen zu mündigen Bürgern auszubilden. Diese handeln selbstbestimmt und treffen wichtige Entscheidungen, nachdem verfügbare Informationen, persönliche Werte und der soziale Kontext überdacht wurden. Ein mündiger Bürger wagt es, seinen Verstand zu gebrauchen, an der Gesellschaft zu partizipieren und Verantwortung zu übernehmen.

Im Sinne jedes Einzelnen und der gesamten Gesellschaft ist das humanistische Bildungssystem darauf ausgelegt, diese Entwicklung zu fördern.

Vermittlung fachlich-methodischer und kommunikativ-sozialer Kompetenzen

Bildung soll zu Handlungsfähigkeit führen. Jungen Menschen sollten insbesondere jene Fertigkeiten vermittelt werden, welche Grundlage für das Prüfen der eigenen Meinung und für faktenbasierte Argumentation sind. Dazu gehören kommunikative Kompetenzen, empathische Fähigkeiten und die Reflexion über Zusammenhänge in der Welt und die Auswirkungen des eigenen Handelns.

Dabei fällt einer undogmatischen Diversität eine große Rolle zu. Über die Vielfalt der menschlichen Kulturen soll geredet werden, doch dürfen insbesondere religiöse Überzeugungen nicht als verlässliche Wahrheit deklariert werden. Ähnlich wie beim Beutelsbacher Konsens sollten verschiedene Ansichten genannt und beleuchtet, jedoch keine bevorzugt werden. Nur durch den ernsthaften Diskurs über verschiedene Alternativen kann sich ein verständnisvolles soziales Miteinander herausbilden.

Ausrichtung der Bildung auf geistige Flexibilität und den Spaß am Lernen

Um Bildung nicht zur Qual werden zu lassen, ist es wichtig, die angeborene Freude am Entdecken und Lernen zu erhalten oder möglichst schnell zu reaktivieren. Es sollte vermieden werden, die Begeisterung für bestimmte Themen unwiederbringlich zu zerstören. Die Individualisierung des Bildungspfades kann dem bereits entgegenwirken. Zudem braucht es Lehrende, die in der Lage sind zu begeistern und die Lerninhalte mit der Lebenswelt der Lernenden zu verbinden. So können diese den Bildungsprozess aktiv mitgestalten und ihre eigenen Interessen und Anliegen einbringen.