Impulspapier – Klimaschutz und das 1,5-Grad-Ziel

Einleitung

Die Unwetter und Extremwetterereignisse der letzten Monate sowie die schweren Brände im Jahr 2021 sind eine deutliche Mahnung gewesen: Klimaschutz ist unabdingbar! Sechs Jahre sind seit dem Pariser Klimaschutzabkommen vergangen. Sechs Jahre, seitdem sich nahezu alle Nationen weltweit dazu bekannt haben, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C zu beschränken. Dies wurde dann mit dem Vorsatz verfestigt, die Klimaerwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Seither gelten diese Ziele als Grundlage klimapolitischen Handelns [1]. 

Wir haben nur wenige Jahrzehnte Zeit um notwendige Maßnahmen umzusetzen, bis mögliche Klimakipppunkte sehr wahrscheinlich überschritten sind und Klima- und Ökosystem für lange Zeit irreparabel geschädigt bleiben [2]. Leider haben viele Staaten ihre realpolitische Zielsetzung bislang jedoch nur eingeschränkt daran orientiert. Gleichzeitig wurden und werden die Auswirkungen des Klimawandels weltweit immer deutlicher. Dies hat berechtigten Unmut bei vielen Menschen weltweit zur Folge [3]. Denn neben einer Verschärfung bereits bestehender globaler Probleme, wie Nahrungsmittelknappheit und sozialer Ungerechtigkeit, sind auch neue Probleme, wie der Verlust von Land- und Siedlungsfläche, Seuchen und vieles mehr durch den Klimawandel zu erwarten und vielerorts bereits Realität.

Heute wird die Qualität der Politik in vielen Fällen daran gemessen, wie sehr sie auf die Einhaltung der Klimaziele hinarbeitet – oder eben auch nicht. Klimaschutzkreise legen das Augenmerk auf eine Beschränkung von 1,5 °C, weniger ambitionierte Gruppen sehen eher die 2 °C als tolerierbares Maximum. In beiden Fällen wird sich unser Weltklima langfristig und nachhaltig verändern. Je höher die Temperatur, desto tiefgreifender die Veränderung.

Das Weltklima – Der Status Quo

In welchem Zustand befindet sich das Weltklima derzeit, welche Veränderungen sind für Deutschland zu erwarten und was davon können wir heute schon spüren?

In einer Pressekonferenz des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wird die Sorge bestätigt, dass sich die globale Erwärmung derzeit auf deutlich über 2 °C zubewegt, nämlich auf ca. 3–4 °C. Während die Steigerung der globalen Mitteltemperatur sich noch bei ca. 1,1 °C befindet, liegt sie in Deutschland bereits bei 1,6 °C [4]. Was den Zustand des weltweiten Klimas angeht, gab die World Meteorological Organization (WMO) 2020 einen klaren Ausblick. Hier gab sie für die Jahre 2020–2024 bereits eine Chance von 20 Prozent an, dass eines dieser Jahre im Mittel die 1,5-Grad-Marke überschreiten wird – für einzelne Monate in den kommenden Jahren stehen die Chancen bereits bei ca. 70 Prozent [5]. 

Die derzeitige Bestandsaufnahme des Weltklimas gibt also, auch bei uns in Mitteleuropa, Grund zur Sorge. Denn die Folgen eines Nichteinhaltens des globalen 1,5-Grad-Ziels wurden bereits anschaulich vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zusammengefasst [6]. Der Bericht stellt klar, dass jede zusätzliche Erwärmung das langfristige Wirtschaftswachstum beeinträchtigen wird; davon besonders betroffen sind die Länder der Tropen und Subtropen. Dies wird mittlerweile auch als einer der großen Treiber von Fluchtursachen in den kommenden Jahrzehnten prognostiziert [3].

Was bedeutet das konkret für Deutschland? Einige Wetter- und Klimaextreme lassen sich noch nicht mit hinreichender Genauigkeit vorhersagen. Dort, wo es möglich ist, bspw. bei den Projektionen für Hitzewellen, zeichnet sich kein optimistisch stimmendes Bild. Eine deutliche Steigerung der Anzahl und Intensität von Hitzewellen ist zu erwarten [7] – beides wird sich direkt auf die Gesundheit der betroffenen Menschen auswirken. Schon die Hitzewellen von 2003 und 2015 führten zu einer signifikanten Übersterblichkeit [8].

In Summe heißt das also, dass die Welt sich weiter aufheizt und in Deutschland selbst die angedachte Obergrenze von 1,5 °C bereits überschritten wurde. Die international nur langsam fortschreitenden Klimaschutzbemühungen scheinen global jedoch sogar auf eine höhere Marke hinauszulaufen.

Ist das 1,5-GradZiel noch eine sinnvolle Marke?

Klimatologisch gesehen dürfte die Marke einer Erwärmung von mehr als 1,5 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit in den nächsten Jahren erstmalig weltweit erreicht werden. Dass eine weitere Erhöhung der weltweiten Temperaturen durchaus wahrscheinlich ist, zeigt auch der Trend.

Vor diesem Hintergrund gibt es Stimmen, die sagen, dass eine 1,5-Grad-Zielmarke politisch keinen Sinn mehr ergibt, da sie eben klimatologisch schon längst überholt ist [9]. Was dabei jedoch außer Acht gelassen wird, ist die symbolische Bedeutung einer resignierten Aufgabe schon vor dem Versuch einer Umsetzung. Denn jede Maßnahme, die für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels umgesetzt wird, ist umso wertvoller für die 2,0-Grad-Marke. Beide Grenzwerte sind jedoch nicht absolut und bedeuten bei Nichteinhalten auch (noch) nicht das Ende der Welt. Aber jedes Zehntelgrad Erwärmung, das wir vermeiden können, bedeutet geringere Risiken, Folgekosten und weniger verlorene Menschenleben. Ambitionierte Klimaschutzpolitik, die sich am 1,5-Grad-Ziel orientiert, minimiert die zukünftige Erwärmung und macht unsere Zukunft sicherer als weniger ambitionierte Ziele. 

Bekanntlich verfehlte die Bundesregierung bisher ihre selbstgesteckten Zielsetzungen für den Klimaschutz [10][11] und ihre Gesamtzielsetzung für 2020 wurde letztlich vorwiegend durch Ausfälle während der Coronakrise erreicht [12]. Daher ist es nur angemessen, ambitionierte Ziele zu setzen, anstatt das Risiko einzugehen, dass selbst die weniger ambitionierten verfehlt werden.Dennoch ist klar, dass Klimaschutz auf zwei Hochzeiten tanzen muss. Denn Klimaschutz bedeutet zum einen, dass wir über Mitigation die Emissionen reduzieren und am Ende gänzlich vermeiden müssen. Aber er bedeutet auch, dass wir uns durch Adaption auf die kommenden Klimaveränderungen vorbereiten müssen. Je weiter die Mitigation verzögert wird und letztlich zu höheren Temperaturen führt, desto wichtiger wird die Adaption, welche die Folgen der Versäumnisse ausgleichen muss.


Unsere Quellen:

  1. https://www.dw.com/de/fünf-jahre-pariser-klimaabkommen-eine-bilanz/a-55904058 abgerufen am 24.03.2021
  2. https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-08/klimawandel-erderwaermung-duerre-risiko-klima-forschung-kippelemente abgerufen am 21.03.2021
  3. https://www.nytimes.com/interactive/2020/07/23/magazine/climate-migration.html abgerufen am 26.03.2021
  4. https://www.dwd.de/DE/presse/pressemitteilungen/DE/2021/20200317_pressemitteilung_klima_pk_news.html?nn=16210 abgerufen am 22.03.2021
  5. https://hadleyserver.metoffice.gov.uk/wmolc/ abgerufen am 23.03.2021
  6. 1.5°C Globale Erwärmung, Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2020/07/SR1.5-SPM_de_barrierefrei.pdf, abgerufen am 23.03.2021
  7. Muthers, Stefan, Gudrun Laschewski, and Andreas Matzarakis. „The summers 2003 and 2015 in south-west Germany: Heat waves and heat-related mortality in the context of climate change.“ Atmosphere 8.11 (2017): 224.
  8. Muthers, Stefan, Gudrun Laschewski, and Andreas Matzarakis. „The summers 2003 and 2015 in south-west Germany: Heat waves and heat-related mortality in the context of climate change.“ Atmosphere 8.11 (2017): 224.
  9. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klima-krise-ist-das-1-5-grad-ziel-noch-zu-schaffen-a-695a6d46-e4f2-4194-8aa1-a14379b3f470 abgerufen am 21.03.2021
  10. https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/klimabilanz-2020-emissionsdaten-2020-bundesregierung-verfehlt-klimaziele-im-gebaeudesektor/27007814.html abgerufen am 29.03.2021
  11. https://www.sueddeutsche.de/politik/klimawandel-klimapaket-verfehlt-ziele-1.4832654 abgerufen am 29.03.2021
  12. https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland-klimaziele-2020-corona-100.html abgerufen am 29.03.2021