1. Einleitung

Die Partei der Humanisten fordert, den verpflichtenden bekenntnisorientierten Religionsunterricht bundesweit abzuschaffen. An seine Stelle soll – sofern nicht bereits geschehen – ein gemeinsamer Ethikunterricht treten, der ethisch-philosophische Bildung vermittelt und alle Religionen neben anderen Weltanschauungen neutral behandelt. Der gemeinsame Ethikunterricht soll den Lernenden die notwendigen Kompetenzen vermitteln, um in einer modernen, offenen Gesellschaft ethische, eigenverantwortliche und aufgeklärte Entscheidungen treffen zu können.

Im Sinne eines säkularen Staates wollen wir langfristig erreichen, dass alle staatlich anerkannten Schulen in bekenntnisfreie Schulen umgewandelt werden.

2. Hintergrund zum Religions- und Ethikunterricht

Im Grundgesetz, in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sowie in der Europäischen Menschenrechtskonvention werden die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit sowie das Recht auf freie Religionsausübung — auch in der Schule — gewährleistet. (Factsheet #1) Da das gesamte Schulwesen jedoch unter staatlicher Aufsicht steht und das Grundgesetz eine Trennung von Staat und Kirche vorsieht, müssen Schulen entsprechend dem staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag weltanschaulich-religiös neutral sein. (Factsheet #2) Beide Verfassungsrechte stehen sich gleichrangig gegenüber, und es kann ein Spannungsverhältnis im Bereich der Schule entstehen.

Die Sonderstellung des Religionsunterrichts in der Bundesrepublik begründet sich in der historischen Tatsache, dass das staatliche Schulwesen der Neuzeit auf kirchliche Wurzeln zurückgeht. (Factsheet #3) Obwohl es bereits seit der Aufklärung im 17. Jahrhundert von weltlicher Seite Forderungen nach einem von der Kirche unabhängigen Schulwesen gab, besteht der Einfluss der Kirche auf die Schule bis heute.  (Factsheet #4) Öffentliche Schulen blieben bis ins 20. Jahrhundert hinein unter kirchlicher Aufsicht. Staatskirchenverträge der einzelnen Bundesländer mit den Kirchen sowie vergleichbare Verträge mit anderen Glaubensgemeinschaften haben, in Anlehnung an das sogenannte Reichskonkordat von 1933, bis heute Bestand. (Factsheet #5)

In der Bundesrepublik Deutschland ist der Religionsunterricht als einziges Unterrichtsfach als ordentliches Lehrfach für öffentliche Schulen im Grundgesetz abgesichert und in fast allen Bundesländern Pflichtfach. Dort heißt es in  Art. 7 Abs. 3 GG: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.“ (Factsheet #6)

Je nach Bundesland ist Ethikunterricht entweder als Ersatzfach für Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, als Wahlpflichtfach oder als ordentliches Lehrfach konzipiert. Nur in drei der sechzehn Bundesländer findet Artikel 7 Abs. 3 GG keine Anwendung. In Berlin (gemeinsames Fach Ethik) und Brandenburg (gemeinsames Fach LER, d.h. Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) ist der Religionsunterricht ein zusätzliches freiwilliges Angebot. (Factsheet #7) Bremen bietet explizit keinen bekenntnisorientierten Religionsunterricht an (die so genannte Bremer Klausel), stattdessen wird das Fach Religion erteilt, welches religionskundliche Inhalte und Ethik vermittelt. (Factsheet #8)

In Europa sind Ethik- und Religionsunterricht ganz unterschiedlich geregelt: kein religiöser Unterricht, Wahl zwischen Religions- und Ethikunterricht, verpflichtender Religionsunterricht mit Abmeldemöglichkeit, freiwilliger Religionsunterricht ohne Alternativfach, ausschließlich Religionskunde-, Weltanschauungs-, Moral-, Werte- oder Ethikunterricht. (Factsheet #9)

Es zeigt sich, dass die Zustimmung zu bekenntnisorientierten und damit eher trennenden Religionsunterricht als Pflichtfach schwindet, während ein gemeinsamer Religionskunde- oder Ethikunterricht zunehmend gefordert oder eingeführt wird. (Factsheet #10) 

3. Problematik des bekenntnisorientierten Religionsunterrichts

Ein bekenntnisorientierter Religionsunterricht steht im Widerspruch sowohl zum wissenschaftlichen Anspruch an den staatlichen Schulunterricht als auch zum staatlichen Neutralitätsgebot. Dieser Widerspruch kann derzeit nur mit Ausnahmeregelungen umgangen werden. (Factsheet #11) Ein Bekenntnis zu einer Richtung schließt andere Richtungen aus bzw. wertet sie indirekt ab.

3.1 Grundsätzliche Probleme des bekenntnisorientierten Religionsunterrichts

  • Fehlende institutionelle Neutralität: In Deutschland sind die christlichen Kirchen aus historischen und demografischen Gründen etablierter als alle anderen Glaubensgemeinschaften. Bekenntnisorientierter christlicher Religionsunterricht hat eine entsprechend lange und gefestigte Tradition, während Ethikunterricht laut Kultusministerkonferenz bisher lediglich als Ersatzfach angesehen wird. (Factsheet #12) Dadurch kann andersgläubigen oder konfessionsfreien Schülern der Eindruck vermittelt werden, ihr Glaube oder ihre Konfessionsfreiheit entspräche nicht der gewünschten Norm.
  • Diskriminierung: Besonders die zahlreichen evangelischen und römisch-katholischen Bekenntnisschulen in staatlicher Trägerschaft diskriminieren andersgläubige und konfessionsfreie Schüler. (Factsheet #13)
  • Fehlende Objektivität: Sowohl nach den Rahmenlehrplänen als auch in der pädagogischen Praxis werden im Religionsunterricht heute zwar auch religiöse Vielfalt sowie weltliche Themen und Ethik zum Inhalt gemacht. Allerdings ist ein starker theologischer und auf das jeweilige Glaubensbekenntnis ausgerichteter Fokus erkennbar. (Factsheet #14)
  • Glaubensunterweisung: Inhaltlich geht es im bekenntnisorientierten Religionsunterricht neben der Wissensvermittlung auf Basis der jeweiligen Glaubensrichtung immer auch um eine Glaubensunterweisung. (Factsheet #15)
  • Werte: In unserer pluralistischen Gesellschaft sollte Schule auch die Aufgabe der gemeinsamen Vermittlung der im Grundgesetz festgehaltenen Werte haben. Im Jahr 2020 betrug allein der Anteil der Konfessionsfreien in der deutschen Bevölkerung 41 %. (Factsheet #16) Dadurch wird die integrative Rolle eines gemeinsamen Ethikunterrichts umso wichtiger. Werte, die für alle gelten sollen, müssen aus unserer Sicht auch für alle einsichtig sein und in einem gemeinsamen Unterricht vermittelt werden. Sie dürfen nicht auf religiösen Überzeugungen fußen, die jeweils nur Teile der Bevölkerung vertreten und die teilweise nicht mit allgemeingültigen Werten vereinbar sind.
  • Fehlende staatliche Neutralität: Als einziges im Grundgesetz erwähntes Unterrichtsfach nimmt der Religionsunterricht eine Sonderstellung im staatlichen Schulwesen ein. (Factsheet #17)
  • Externe Einflüsse: Aufgrund der rechtlichen Lage kommt religiösen Organisationen ein Einfluss auf Unterrichtsinhalte zu. Dies kann dann problematisch sein, wenn diese ihrerseits etwa durch Staaten beeinflusst werden, welche sich in vielen Punkten gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richten. (Factsheet #18) Damit kann der deutsche Staat einen Teil seiner Autonomie verlieren. 
  • Datenschutz / Selbstbestimmung: Die Konfession der Schüler wird schulintern erfasst und durch die meist automatische Zuteilung in die entsprechenden Kurse indirekt öffentlich gemacht, was das in Art. 140 GG festgehaltene Recht auf Nichtoffenbarung der religiösen Überzeugung sowie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung einschränkt. (Factsheet #19)
  • Fremdbestimmung: Hinzu kommt, dass Schüler bis zum 14. Lebensjahr nicht religionsmündig sind und gegebenenfalls fremdbestimmt einer Religion zugeordnet werden. (Factsheet #20)

3.2 Konfliktpotenzial des bekenntnisorientierten Religionsunterrichts

  • Logische Widersprüche und konkurrierende Werteordnungen: Da einige Glaubensinhalte unmittelbar im Konflikt zu historischen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen – vor allem im Bereich der Naturwissenschaften –, werden mitunter offene logische Widersprüche erzeugt. Zudem steht die im bekenntnisorientierten Religionsunterricht vermittelte göttlich gegebene Werteordnung dem Bildungsziel des kritischen Denkens potenziell entgegen. (Factsheet #21)
  • Lehrkräfte: Qualitätsstandards können nicht durchgehend gewährleistet werden, da auch Personen ohne entsprechende staatliche Qualifikation bzw. mit einer von der Religionsgemeinschaft zu erteilenden Lehrbefugnis eingesetzt werden können. (Factsheet #22)
  • Aufwand und Finanzierung: Der organisatorische und finanzielle Aufwand dafür, mehrere verschiedene Fächer (wie verschiedene Religionen) zu unterrichten, ist beträchtlich. (Factsheet #23) Die Erteilung mehrerer Unterrichtsfächer durch verschiedene Lehrkräfte und in verschiedenen Räumen, die Anschaffung zusätzlicher Lehrmaterialien, Fortbildungen, Fachkonferenzen, unterschiedliche Curricula etc. verkomplizieren die Schulorganisation. Durch einen gemeinsamen Ethikunterricht werden könnte dies vermieden werden. 
  • Separation und Integrationshindernis: Durch die Unterteilung nach Religionszugehörigkeit wird die Konfession der Schüler zu einem trennenden Merkmal. Bekenntnisorientierter Religionsunterricht gibt einen Anreiz für die Schüler der betreffenden Konfession, sich gegen andere abzugrenzen und kann so notwendige Integrationsprozesse erschweren.

4. Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der verpflichtende bekenntnisorientierte Religionsunterricht kaum mit Werten wie Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Wissenschaftlichkeit vereinbar ist. Er steht nach unserer Einschätzung außerdem im Widerspruch zum staatlichen Neutralitätsgebot. Derzeit besteht faktisch eine Ungleichbehandlung praktizierter Religionen seitens des Staates in der Schule, da deutlich eher evangelischer oder katholischer Religionsunterricht angeboten wird. Das kommt einer Diskriminierung andersgläubiger oder konfessionsfreier Schüler gleich.

Das Konzept von bekenntnisorientiertem Religionsunterricht als Standard und Ethik- bzw. Werteunterricht als „Ersatzfach“ ist in dieser Form nicht mehr zeitgemäß, da es die heterogene gesellschaftliche Realität hinsichtlich der Weltanschauungen nicht mehr abbildet. Wir sehen eine fehlende institutionelle und inhaltliche Neutralität und kritisieren Glaubensunterweisung und externe Einflüsse an staatlichen Schulen. Eine neutrale Perspektive auf verschiedene Weltanschauungen und die Vermittlung der im Grundgesetz festgehaltenen Werte für alle ist aus unserer Sicht so nicht gegeben oder gar unmöglich. Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht ist deshalb aus Sicht der Partei der Humanisten untragbar für das deutsche Bildungssystem. 

Gemeinsamer Ethikunterricht kann integrativ wirken und zu weniger sozialer Spaltung in der Schulgemeinschaft und letztlich der daraus wachsenden Gesellschaft führen. Er bildet eine Grundlage für wirkliche Religionsfreiheit. Ethisch-philosophische Bildung hat das Potenzial, die Entwicklung toleranter und reflektierter Menschen als Teil einer pluralistischen, offenen Gesellschaft zu unterstützen sowie individuelle Selbstbestimmung und kritisches Denken zu fördern.

5. Forderungen

  • Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht an allen staatlichen Schulen ist abzuschaffen und durch einen weltanschaulich neutralen, einheitlichen Ethikunterricht zu ersetzen, welcher von der ersten Klasse an erteilt wird.
  • Der Ethikunterricht kann sich an bereits bestehenden Curricula (Factsheet #24) orientieren. Er sollte unter anderem folgende Themenkomplexe beinhalten:
    1. Identität: Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Rolle sowie Stärkung des Selbstwertgefühls
    2. Freiheit in Verantwortung: Reflexion des eigenen Handelns sowie kritisches Hinterfragen eigener und anderer Positionen 
    3. Individuum und Gemeinschaft: Ethisches Verhalten gegenüber anderen und Herleitung ethischer Verhaltensweisen aus Grundprinzipien des menschlichen Zusammenlebens, Partnerschaft und Familie, Diskussionskultur
    4. Recht und Gerechtigkeit, Grund- und Menschenrechte, Kinderrechte und -schutz, Staat und Gesellschaft, politischer und religiöser Fundamentalismus, Diskriminierung
    5. Der Mensch und sein Bezug zu Natur, Kultur und Technik
    6. Gesellschaftliche Werte, Normen sowie kulturelle Vielfalt und Traditionen
    7. Respekt und Toleranz: Anerkennung menschlicher, sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sowie unterschiedlicher Lebensentwürfe
    8. Grundlagen von Ethik und Philosophie im historischen Kontext
    9. Menschen- und Gottesbilder: Vergleich verschiedener Religionen und Weltanschauungen mit kritischer Beleuchtung der entsprechenden Moral;  Aufklärung und Humanismus
    10. Umgang mit schwierigen und emotional herausfordernden Lebenssituationen (Liebe, Sexualität, Tod, Konflikte, Gewalt, Krankheit, Suchtverhalten etc.)
  • Um den wachsenden Bedarf an qualifizierten Lehrkräften für den Ethikunterricht zu decken, müssen an Universitäten und pädagogischen Hochschulen dringend zusätzliche Lehrstühle und Lehramtsstudiengänge für das Fach Ethik eingerichtet werden. Die existierenden Religionslehrkräfte können fortgebildet oder umgeschult werden und in einer Übergangsphase eingesetzt werden, gegebenenfalls unterstützt von einer zweiten Lehrkraft (z.B. Klassenleitung).
  • Die Konfessionszugehörigkeit der Schüler darf von den Schulen nicht länger erfasst werden.
  • Verträge der Länder oder des Staates mit den Glaubensgemeinschaften, in denen die Erteilung des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen zugesichert wird, sind zu kündigen. Da sich die Partei der Humanisten grundsätzlich für eine Kündigung der Staatskirchenverträge einsetzt, fällt dies mit weiterführenden Forderungen zusammen. Dessen ungeachtet besteht im Bereich des bekenntnisorientierten Religionsunterrichts unserer Ansicht nach akuter Handlungsbedarf.
  • In den Landesverfassungen sind die betreffenden Artikel, durch die der Religionsunterricht zum ordentlichen Lehrfach erklärt wird, zu streichen. Art. 7 Abs. 3 GG sieht die Einrichtung bekenntnisfreier staatlicher Schulen als Ausnahme bereits vor.
  • Noch existierende öffentliche Bekenntnisschulen sind in bekenntnisfreie Schulen umzuwandeln. Die Möglichkeit zur Einrichtung öffentlicher Bekenntnisschulen ist abzuschaffen.
  • Langfristig ist auf eine Änderung des Grundgesetzes hinzuarbeiten: Art. 7 Abs. 3 GG kann gestrichen werden, wenn es nur noch bekenntnisfreie staatliche Schulen gibt.